Ungenaue Erinnerung

Die ungenaue Erinnerung – Ein selbst erzeugtes Phänomen?

Viele Menschen sind der Überzeugung, dass sie durch wiederholtes Erinnern an vergangene Ereignisse diese im Gedächtnis besonders festigen.
Diese Annahme ist aber leider falsch, wie eine neue Studie belegt.

Ich selbst habe es damals auf einen leichten “Schockzustand” geschoben: Nach meinem ziemlich heftigen Autounfall auf der Autobahn gingen mir die Bilder dieses Ereignisses in den folgenden Tagen immer wieder durch den Kopf. Doch je öfter ich mich an den Ablauf des Unfalls zu erinnern versuchte, desto unsicherer wurde ich. “War es wirklich so, dass…?” – “Da war aber doch noch…!” – “Ich habe glaube ich dann…”.
Dabei bin auch ich zuvor immer davon ausgegangen, dass je öfter ich die ´Bilder´ vor meinem ´inneren Auge´aus der Erinnerung ablaufen lasse, die Erinnerungen immer deutlicher und gefestigter werden.

Die Studien von Donna Bridge und Ken Paller von der Northwestern-University in Illinois (USA) haben jedoch gezeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Wiederholtes Erinnern führ nicht zu einer Festigung, sondern zu einer Verfälschung von Gedächtnisinhalten!

Erinnert man sich später in einer anderen Umgebung, mit einer anderen Stimmung und ggf. mit inzwischen neu erlangten Erkenntnissen an einen zuvor gespeicherten Gedächtnisinhalt, so können diese neuen Informationen durchaus unbewusst in die Erinnerung ´eingebaut´ werden und diese so verfälschen. Das Gedächtnis kann diese Erinnerungen dann nicht mehr unterscheiden. Der Betroffene ´konstruiert´ so unbewusst eine neue Erinnerung, wobei er aber fest davon überzeugt ist, dass sich wirklich alles so zugetragen hat, wie er es im Gedächtnis hat.

questionDie Erkenntnisse von Bridge und Paller unterstützen die schon oft getroffene Behauptung, dass Zeugenaussagen vor Gericht ein schlechtes Mittel zur Beweiserhebung sind.
Auch werden in polizeilichen Verhören die Beschuldigten (aber auch Zeugen) nicht selten angehalten, mehrmals den Ablauf ´noch einmal von vorne´ zu beschreiben. Nach den Ergebnissen der Studie wäre demnach die erste während einer Befragung getätigte Schilderung die zuverlässigste. Alle weiteren, wiederholten Angaben drohen durch andere Einflüsse verfälscht zu werden.

 

Quellen:
Grafik: digitalart @ freedigitalphotos.net
D. J. Bridge, K. A. Paller: Neural correlates of reactivation and retrieval-induced distortion. In: Journal of Neuriscience, 32 (35), 08 (2012), 12144-12151

 

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