Ein freier Platz in der Hölle

Die nachfolgende Kurzgeschichte “Ein freier Platz in der Hölle” eines spanischen Dichters ist auch heute noch sehr weit verbreitet – obwohl sie schon in etwa 400 Jahre alt ist. Dies liegt sicherlich auch daran, dass sie viele Leser berührt und indirekt auffordert, dass eigene Verhalten kritisch zu reflektieren…und ggf. zu ändern.

Eines Tages war es soweit: die Hölle war einfach total überfüllt – und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich kam der Satan heraus, um die Höllenkandidaten wegzuschicken. “Hier ist alles so voll, dass nur noch ein einziger Platz frei ist!”
Der Teufel überlegte kurz, Dann erklärte er: “Diesen Platz muss der schlimmste Sünder bekommen. Sind vielleicht ein paar Mörder da?” Er fragte einen Bewerber nach dem anderen aus und hörte sich deren Verfehlungen an. Die Bösewichte erzählten viel Schlimmes, doch es war nicht schrecklich genug, um dafür den letzten freien Platz in der Hölle zu “opfern”. vorstheim.netImmer wieder schaute sich der Satan die Leute in der Schlange genau an. Schließlich entdeckte er jemanden, den er noch nicht gefragt hatte. Der Herr stand allein und schien sich abkapseln zu wollen, “Was ist eigentlich mit Ihnen? Was haben Sie getan?” ”Nichts!”, erklärte der Mann überrascht. “Ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier. Ich dachte, die Leute würden sich hier um Freibier bewerben.” -”Aber Sie müssen doch etwas getan haben!”, entgegnete der Teufel. “Jeder Mensch stellt etwas an!”

Doch der “gute Mann” blieb dabei: “Ich habe mir das Treiben der Menschen angeschaut, doch ich hielt mich davon fern. Ich sah, wie Unterdrückte verfolgt wurden, aber ich beteiligte mich nicht an solchen Schandtaten. Kinder wurden in die Sklaverei verkauft, Arme und Schwache wurden ausgebeutet. Überall um mich herum geschahen Übeltaten aller Art, ich allein widerstand der Versuchung – ich tat nichts.” ”Absolut nichts?”, fragte der Satan erstaunt: “Sind Sie völlig sicher, dass Sie das alles mit angesehen haben – “Ja, vor meiner eigenen Haustür”, bekräftigte der ‘gute Mensch’ –
Verblüfft wiederholte der Teufel: “Und Sie haben nichts getan?” – “Nein!” –
“Komm herein, mein Sohn, der freie Platz gehört Dir!”

 

Quellen:
Pedro Calderón de la Barca  – spanischer Dichter (1600 bis 1681).
Foto: Michelle Meiklejohn (royalty-free) – freedigitalphotos.net
Danke an Daniela Hannes für die Inspiration!

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