Der Kampf um die Liegen

Das haben sicherlich schon viele von uns erlebt:
Die Sonnenliegen am Pool sind zwar unbesetzt – aber alle mit Handtüchern reserviert.

Die folgende fiktive Geschichte nimmt dieses “Phänomen” zum Anlass, um ein Szenario zu entwickeln, das zum Nachdenken anregt…
Der Text ist (für einen Blog-Beitrag) schon lang geraten, aber das Lesen lohnt sich! 😉

Der Kampf um die Liegen

Es war einmal eine wunderschöne Therme. Die Menschen machten sich einen erholsamen Tag darin – auf vielen tausend Quadratmetern gab es unterschiedliche Saunen und viel Platz zum baden. Und es gab genug Liegen für alle. Nach und nach schlich sich jedoch eine Unsitte ein: Die Menschen belegten Liegen, die sie gar nicht nutzten. Die meiste Zeit verbrachten sie im Wasser oder in einer Sauna, nur selten legten sie sich auf die Liegen. Aber die ganze Zeit beanspruchten sie diese für sich ganz alleine.

Unter der Woche wurde dieses Verhalten toleriert – noch fand jeder Thermengast eine freie Liege. Doch dann kam das Wochenende und mit ihm viel mehr Besucher als Liegen. Das wäre kein Problem, denn würde sich jeder auf eine freie Liege legen und sie später wieder frei zurücklassen, wäre genug Platz für alle da. Aber die Menschen legten ihre Handtücher auf die Liegen, um sie für sich ganz alleine zu beanspruchen, obwohl sie sie gar nicht brauchten. Am Vormittag ging das noch gut – aber schon am frühen Nachmittag kamen mehr Besucher, dass viele keine freie Liege mehr fanden.

vorstheim.net Die Menschen, die sich hinlegen wollten, fanden keinen Platz und mussten auf hunderte Liegen sehen, die nur mit einem Handtuch seit Stunden besetzt war. Ein Erster nahm ein Besetzerhandtuch weg und legte sich auf die nun freie Liege. Andere taten es ihm nach. Irgendwann kamen die Reservierer zurück und beschwerten sich, man habe ihr Eigentum in Beschlag genommen. Das Argument, es wären genug Liegen für alle da, akzeptierten sie nicht – ich weiss auch nicht warum. Stattdessen versammelten sich die Besetzer und diskutierten, was nun zu tun sei. “Die müssen von unseren Liegen runter!” schimpfte einer und die anderen stimmten lauthals zu. Wobei, immer wenn einer “wir” und “unsere” sagte, dann meinte er “ich” und “meine” – das wussten alle.

Die Besetzer beschlossen, sich zu verteidigen. “Schließlich hat man uns von unserem Besitz vertrieben! Unsere Liegegrundlage ist in Gefahr!” argumentierten sie. So schlossen sie sich zusammen (das Zeichen auf Ihrer Flagge war ein Handtuch auf einer Liege) und schubsten die anderen Gäste von ihren Liegen. Zufrieden legten sie ihre Handtücher auf den zurückeroberten Besitz. “Was tun wir jetzt?” wollte einer wissen. “Ich geh in die Sauna,” sagte einer und ein anderer verschwand zum baden. Bald waren die Besetzer verschwunden und ihre Liegen verwaist – bis auf ein Handtuch, das den Besitzer kennzeichnete. Es kamen neue Gäste und fanden keinen Platz, denn es gab zwar genug Liegen, auf denen sich gerade keiner ausruhte – leider waren diese jedoch schon besetzt. “Man könnte die Handtücher ja wegnehmen,” meinte einer der Neuen. “Dann wäre genug Platz für alle da.” Das hörten die Besetzer und fühlten sich bedrängt. Sie stürmten auf Ihre Liegen, die sie gar nicht brauchten, zu, und machten den Neuankömmlingen klar, dass das ihr Besitz sei und sich sonst niemand darauf zu legen habe.

Weil jedoch immer neue Gäste in die Therme kamen, mussten die reservierten Liegen bald rund um die Uhr bewacht werden. Schnell hatten die Reservierer keine Zeit mehr, in die Sauna zu gehen oder zu baden, denn sie mussten Ihre Liegen verteidigen. Das war auch doof – und so stellten sie Bewacher ein. Die Bewacher machten ihren Job, denn man hatte ihnen versprochen, für Ihre Arbeit würden sie eine freie Liege bekommen, wenn sie eine bräuchten. Das war ein guter Lohn, denn freie Liegen waren knapp mittlerweile. Denn nun reservierten die Besetzer nicht nur eine Liege für sich selbst, sondern noch eine für den Bewacher, der beide Liegen zu bewachen hatte. So manch neuer Gast kam noch. Viele gingen sehr schnell wieder, denn ohne Liege machte die Therme keinen Spaß.vorstheim.net Andere blieben und wurden selbst Bewacher, denn man versprach ihnen oder zumindest ihren Kindern einen Liegenplatz für ihre Dienste. Manchmal dachte jemand nach. Er sagte dann: “Warum der Aufwand? Wenn sich jeder auf eine freie Liege legt und sie wieder frei macht beim Verlassen, dann ist genug für alle da.” “Das stimmt nicht,” entgegneten die anderen. “Es reicht nicht für alle.” Wer dann immer noch das Gegenteil behauptete, dessen Handtuch wurde entfernt und dessen Liege wurde von einem anderen Besetzer belegt. Dessen Bewacher passte dann auch auf diese Liege auf. “Siehst du, nun hast du keine Liege – es reicht also NICHT für alle!” triumphierten die Besetzer.

Dieses Spiel trieb seltsame Blüten: So manch ein Besetzer hatte mittlerweile zwei, drei oder gar sieben Liegen mit seinen Handtüchern besetzt. Um sich angemessen verteidigen zu können, benötigte er auch ungefähr so viele Bewacher, die er in seine Dienste nahm. Damit die Bewacher immer treu blieben, war es von Vorteil, viele Liegen zu besetzen. Denn je mehr Liegen man in Besitz genommen hatte, desto größer war die Chance für einen Bewacher, auch einmal selbst auf einer liegen zu dürfen – leihweise versteht sich. So erhielten einige Bewacher den Befehl, andere Liegen in Besitz zu nehmen. “Wir brauchen mehr Liegen!” war die Begründung.

Aus vielen Bewachern wurden Angreifer. Man nannte sie aber immer noch Bewacher, das war ein schönerer Begriff. Die Besetzer schlossen sich in Bündnissen zusammen, um sich gemeinsam gegen andere Angreifer zu verteidigen. So manch einer griff vorsichtshalber schon an, bevor er sich verteidigen musste. Sicher ist sicher. Ein besonders dreister Besetzter namens Adol wollte gar die ganze Therme für sich erobern. Er überzeugte seine Bewacher und Angreifer davon, dass sie mehr Liegen brauchten. Anfangs lief es auch ganz gut, aber die anderen bildeten eine Einheit und verjagten Adol aus der Therme. Anschließend stritten sie sich untereinander – unzählige weitere Auseinandersetzungen folgten.

“Es gab mal einen Ort,” erzählten die Alten, “da konnte jeder unbeschwert baden und in die Sauna gehen.” “Ja, Opa, erzähl deine Märchen deinem Frisör,” wurde ihnen nur entgegnet. “Du siehst doch, dass das reines Wunschdenken ist. Es gibt einfach nicht genug Liegen für alle – daher müssen wir sie verteidigen. Ins Wasser oder in die Sauna können sowieso nur die Besetzter gehen, wir Bewacher haben zu tun, später vielleicht, da will ich auch mal in die Sauna, aber jetzt muss ich arbeiten!” So sprachen die Bewacher und Angreifer und meinten es ernst. Viele von ihnen waren ihr Leben lang nie in der Sauna.

Ihre Eintrittskarte verlor Gültigkeit, bevor sie sich auf eine Liege legen durften und bevor sie Zeit fanden, zum baden zu gehen. Und das, obwohl sie nur deshalb in die Therme gekommen waren – aber das hatten sie bei all ihren Pflichten mittlerweile schon vergessen.vorstheim.net Nur Kinder fragten manchmal an, sie hätten keine Lust, draussen zu stehen und auf irgendwelche Liegen aufzupassen – sie wollten lieber baden gehen. Doch ihre Eltern konnten gut erklären, warum das halt nicht geht und dass man im Leben nicht immer machen konnte, was man wollte. Die Kinder verstanden das nicht, aber die glaubten ihren Eltern und erzählten es später ihren eigenen Kindern. Manche kleinen dummen Kinder fragten auch, warum nur die Besitzer (so wurden die Besetzer mittlwerweile genannt) in die Sauna gehen durften und warum die Bewacher immer nur herumstehen mussten. “Weil,” so wurde ihnen erklärt, “die Besitzer sich ihre Liegen erarbeitet haben. Und wir arbeiten auch auf eine eigene Liege hin.”

Doch meist lief ihre Eintrittskarte ab, bevor ihnen eine Liege zugeteilt wurde. Erst vor kurzer Zeit ereignete sich folgende Geschichte in der Therme: Es gab einen Besetzer, der hiess Satham. Satham hatte ziemlich viele Liegen, aber nicht ganz so viele Bewacher. Ein anderer Besetzter nannte sich Strauch. Strauch mochte Satham nicht – und er war scharf auf dessen Liegen. Doch Strauch wagte es nicht, seine Angreifer einfach so gegen Satham zu schicken – die anderen Besetzer haetten sich vielleicht bedroht gefühlt, denn Strauch war der mächtigste aller Besetzter. Die anderen könnten sich zu einem Bündnis zusammenschliessen, wenn Strauch so gesetzlos vorginge.

Also erzaehlte Strauch überall herum, Satham habe ins Becken gepinkelt. Ob es stimmte, wusste er gar nicht – aber er behauptete es so stark und so laut und so oft, dass es viele glaubten. Während also eine Wasserprobe genommen wurde um zu testen, ob Satham wirklich ein Beckenpinkler sei, befahl Strauch seinen Angreifern, zur Strafe Sathams Liegen zu besetzen und ihn aus der Therme zu verjagen. Das taten sie, denn so ein Schurke hat keinen Anspruch auf Liegen! Als dann die Analyseergebnisse kamen und sich herausstellte, dass Satham nichts nachzuweisen war, war der Fall klar: “Der pinkelt so heimlich, dass man das nicht mal messen kann !” argumentierte Strauch knallhart und liess sich als Beckenreiniger feiern.

In letzter Zeit, und damit endet diese “frei erfundene” Geschichte, kommen immer mehr Menschen in die Therme, die keine Bewacher sein wollen. “Ich bin hierhergekommen, um zu baden und in die Sauna zu gehen,” sagen sie. Und genau das tun sie auch. “Aber wenn du dich ausruhen möchtest, dann hast du keine Liege!” argumentieren die anderen.vorstheim.net Also legen sie sich auf ihr Handtuch auf den Boden oder setzen sich in einen Stuhl. Denn besser baden und auf einem Stuhl sitzen, als den ganzen Tag vor einer Liege zu stehen, um sie für jemand anderen zu beachen. Und so manch Bewacher hat die letzten Minuten seiner Zeit in der Therme damit verbracht, einfach ins Wasser zu springen und zu planschen. Denn eigentlich war er dafür hergekommen – aber vielen fällt das erst ein, kurz bevor sie wieder gehen müssen. So eine Eintrittskarte ist nicht ewig gültig, irgendwann will man ja auch wieder raus und nach Hause.

Doch erst, wenn sie im Auto auf dem Heimweg sind, fällt so vielen Besuchern ein:
“Jetzt war ich viele Stunden dort – und was habe ich getan? Liegen für andere bewacht, die sie gar nicht brauchten – und ich selbst bin nicht in einer Sauna oder in einem Becken gewesen.”
Dann klatschen sie sich mit der flachen Hand auf den Kopf – aber für heute war es dann zu spät.

 

Diese Geschichte steht in Kürze auch als PDF-Dokument auf meiner beruflichen Seite zum Download bereit!

 

Quellen:
Fotos:   stockimages, ventrilock,Master isolated images – freedigitalphotos.net
Text:     www.lebenswert.de / Thomas Hegenauer (modifiziert von Holger Vorstheim)

 

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